top of page

Brille Lili 

Es war einmal eine kleine, feine Brille mit dem Namen Lili. Sie war neu auf der Welt und durfte auf der Nase eines lieben Mädchens namens Moni wohnen. Tag für Tag half Lili ihrer Moni, die Welt klar und deutlich zu sehen – die Blumen auf der Wiese, die Buchstaben im Schulheft und die Sterne am Abendhimmel. Lili und Moni waren unzertrennlich. Wenn Moni lachte, wackelte Lili fröhlich mit. Wenn Moni las, arbeitete Lili fleißig. Und manchmal strich Moni ganz sanft über die Gläser und polierte sie, bis sie im Sonnenlicht glänzten wie zwei kleine Monde. Nachts jedoch, wenn Moni schlafen ging, legte sie Lili behutsam in eine weiche Brillenbox. Dort ruhte sich Lili aus und träumte von all den Dingen, die sie am nächsten Tag sehen würde. Doch eines Morgens geschah etwas Seltsames. Lili lag lange in ihrer Box. Niemand setzte sie auf Monis Nase. Es wurde Mittag. Es wurde Abend. Doch die Box blieb geschlossen. „Was ist nur geschehen?“, flüsterte Lili ängstlich. „Ist Moni krank? Hat sie mich vergessen? Oder… hat sie vielleicht eine neue Brille?“ Sorge erfüllte ihr kleines Glasherz. Sie rüttelte und schob mit all ihrer Kraft gegen den Deckel der Box. Aber sie war nur eine kleine Brille – ihre Bügel waren schwach, und die Welt um sie herum war dunkel und still. In ihrer Verzweiflung sprang sie hin und her. Da geschah es: Die Box rutschte vom Tisch – rumpelnd, polternd – und fiel zu Boden. Mit einem lauten Plumps! sprang sie auf. Ein Lichtstrahl fiel auf Lili. „Frei!“, rief sie. Zwar war einer ihrer Bügel ein wenig schief geworden, doch das kümmerte sie nicht. Vorsichtig kroch sie aus der Box. Erst versuchte sie zu laufen wie ein Mensch – das gelang nicht. Dann bewegte sie sich seitwärts wie eine kleine Krabbe. Und siehe da – es funktionierte! „Juchhu! Ich kann laufen!“ Sie durchsuchte die Wohnung, doch Moni war nicht zu Hause. Alles war still. Niemand antwortete ihr. Nur plötzlich hörte sie eine mechanische Stimme: „Zur Seite! Zur Seite!“ Ein kleiner Staubsaugerroboter namens Niki rollte eifrig über den Boden. Lili wich gerade noch rechtzeitig aus. „Weißt du, wo Moni ist?“, fragte sie hoffnungsvoll. „Meine Aufgabe ist es, von zehn bis zwölf Uhr den Boden zu reinigen“, summte Niki. „Wenn ich arbeite, ist niemand zu Hause.“ Das machte Lili traurig. Doch da erinnerte sie sich: Um diese Zeit war Moni in der Grundschule! Also fasste sie einen mutigen Entschluss. Sie wollte Moni suchen. Vorsichtig krabbelte sie aus der Tür und auf die Straße. Doch dort sausten Autos vorbei, schnell wie der Wind. Lili wartete geduldig und huschte Schritt für Schritt voran. Plötzlich aber näherte sich ein großer Lastwagen. Der Fahrer sah die kleine Brille nicht auf dem Boden liegen. Ein Rad rollte über Lilis Bügel. Knack! Lili schrie auf vor Schmerz. Einer ihrer Bügel war gebrochen. Ihr Glas war zerkratzt. „Nun bin ich wertlos“, weinte sie. „Ich kann Moni nie wieder helfen.“ Die Nacht senkte sich über die Straße. Lili lag verlassen am Rand und glaubte, für immer dort zu bleiben. Doch in der Dunkelheit begann ihr Glas sanft zu leuchten. Ein vorbeigehender Polizist bemerkte den kleinen Schimmer. „Was ist denn das?“, murmelte er und hob Lili vorsichtig auf. Er brachte sie in ein Brillengeschäft, damit man sie repariere. Und welch ein Wunder: Genau dort stand Moni! Sie probierte viele neue Brillen an, doch immer wieder sagte sie: „Keine ist wie meine alte. Ich möchte genau meine Lili zurück.“ Lili wollte rufen: „Ich bin hier!“, doch ihre Stimme war leise wie ein Hauch. Da sagte der Polizist zum Verkäufer: „Bitte reparieren Sie diese Brille. Sie gehört einer Schülerin namens Moni.“ Moni fuhr herum. „Das ist meine Brille! Ich habe sie seit sieben Tagen gesucht!“ Freude glänzte in ihren Augen. Schnell wurde Lili repariert. Ihr Bügel wurde gerichtet, ihre Gläser poliert. Und bald schon saß sie wieder auf Monis Nase – an ihrem richtigen Platz. Beide waren überglücklich. Nur eines verstand Lili nicht: Warum war Moni damals ins Brillengeschäft gegangen? Doch sie beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken. Denn manchmal ist es genug zu wissen, dass man geliebt wird und seinen Platz wiedergefunden hat. Und so lebten Moni und ihre treue Brille Lili glücklich und klar bis an ihr Ende.

Über Gerst Stories

Gerst Stories ist ein Online-Shop für zweisprachige Kinderbücher (Deutsch-Chinesisch). Hier finden Sie liebevoll gestaltete Geschichten, die Kindern helfen, spielerisch Deutsch und Chinesisch zu lernen. Ideal für Familien, Schulen und die bilinguale Erziehung.

Video Title
00:23
Video Title
00:32
Video Title
00:29
Video Title
00:31
Video Title
00:23
Video Title
00:32
Video Title
00:29
Video Title
00:31
Video Title
00:23

Mehr aus der „Gerst Stories“

Angebot anfragen

Bitte nehmen Sie sich einen Moment Zeit und füllen Sie das Formular aus.

Jetzt unverbindlich anfragen

bottom of page